Ich werfe. Du fängst.


„Ich werfe. Du fängst.“

Dass Sprachunterricht nicht nur im Klassenraum stattfinden kann, zeigt der Sportkurs für die VABO-Klassen an der Kilian-von-Steiner-Schule. Die Wirkung von Sportunterricht auf den Lernprozess und wie sich die körperliche Bewegung auf die Gruppendynamik in den Klassen auswirkt, wird schon nach wenigen Wochen des gemeinsamen Trainings deutlich.

„Ich – kann – gut – Deutsch – sprechen.“ Mayla* aus Syrien hüpft von Reifen zu Reifen. „Am – Samstag – kaufe – ich – im – Supermarket – ein.“ Bassam hüpft zu einem anderen Satz in der Reihe daneben. „Supermarkt, nicht Supermarket. Am Ende kein ‚e‘ sprechen.“, verbessere ich ihn. Einmal in der Woche haben zwei VABO-Klassen unserer Schule Training in der örtlichen Sportschule von Murat Sandikci. Denn obwohl VABO-Klassen in Baden-Württemberg in diesem Jahr einige Stunden – darunter auch Sport – gekürzt wurden, ist es den Schülerinnen und Schülern hier dank schulinterner Fördergelder weiterhin möglich, neben ihrem Kopf auch ihren Körper in Fahrt zu bringen. Oder besser gesagt: Kopf und Körper gleichzeitig in Fahrt zu bringen. Denn auch beim Sportunterricht sind Deutschkenntnisse gefragt. Sprachübungen beim Sport Einerseits müssen Regeln und Erklärungen von Spielabläufen verstanden werden, andererseits beinhaltet das Training nach Absprache mit den VABO-Klassenlehrerinnen gezielt viele Sprachübungen. Die Schülerinnen und Schüler zählen Liegestütze laut mit, konjugieren Verben bei Ballspielen – „Ich werfe. Du fängst.“ – , geben bei Laufspielen Befehle – „Lauf weg.“, „Komm mit.“, “Setz dich hin.“ – und hüpfen zu bestimmten Satzstrukturen durch eine Anordnung von Reifen. So werden Bewegung und Sprache spielerisch verbunden, der Rhythmus hilft außerdem beim Einprägen von bestimmten Wörtern, Strukturen und Satzmelodien. Gleichzeitig schult Trainer Murat Sandikci, dessen Eltern aus der Türkei nach Deutschland kamen, kulturelle Sensibilität bei den Schülerinnen und Schüler. Gemeinsam werden verschiedene Gepflogenheiten der Herkunftsländer der Schülerinnen und Schüler besprochen und der Vergleich zu Jugendlichen in Deutschland gezogen. Machen Jungen und Mädchen im Irak gemeinsam Sport? Inwiefern ist Körperkontakt akzeptiert oder eben nicht? Wie begrüßen sich Männer und Frauen in Syrien, wie in Deutschland? Auch das Thema Respekt und das Befolgen von Regeln kommen immer wieder zur Sprache. Die Lehrerinnen ziehen im Deutschunterricht dann Parallelen zu Regeln aus dem Sportunterricht, was den Schülerinnen und Schülern hilft, die Strukturen in der Schule besser nachzuvollziehen. Training mit den Lehrerinnen Auch die Wirkung des Sportunterrichts auf die Gruppendynamik der Klassen ist schon nach wenigen Wochen spürbar. Schülerinnen oder Schüler, die vielleicht Probleme beim Deutschlernen haben, können beim Training ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen und werden dadurch von den anderen anerkannt. Sie lernen, im Team zu arbeiten, um ein Ziel zu erreichen, sie feuern sich gegenseitig an und helfen einander. Dass die Lehrerinnen einer der beiden Klassen selber am Training teilnehmen, hat zudem einen positiven Effekt auf die wenigen Mädchen der Gruppe, die sich nun viel mehr trauen, und zeigt den Jungs, dass „die Frauen“ genauso viel können wie sie. Neben diesen sprachlichen und kulturellen Aspekten ist das Training natürlich auch einfach als Sport unglaublich wichtig für die Schülerinnen und Schüler. Sie können sich auspowern, die nach vielen Stunden im Klassenzimmer angestaute Energie rauslassen, den Kopf frei bekommen, neue Energie für die nächsten Deutschstunden tanken und einfach gemeinsam Spaß haben. „Vielen Dank für den Unterricht! Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.“ Ein fester Händedruck mit Blickkontakt gehört zum Abschiedsritual bei Herrn Sandikci. Und in der Umkleidekabine höre man Mayla dann murmeln: „Ich kann gut Deutsch sprechen.“

Verfasserin: Philippa Fennes